WaldGeschichte

Wald mit Mensch oder Wald ohne Mensch

Die Geschichte des Waldes hat zwei Dimensionen:

  • die naturgeschichtliche Dimension mit einer vom Menschen weitgehend unbeeinflussten Entwicklung des Waldes

  • eine menschheitsgeschichtliche Dimension, in der der Mensch aktiv auf das Erscheinungsbild des Waldes Einfluss genommen hat und nimmt

Wald ohne Mensch

Die vom Menschen unbeeinflusste Waldgeschichte

Vor 17.000 bis vor 10.000 Jahren:

Die naturgeschichtliche Entwicklung unserer Wälder steht in engem Zusammenhang mit der  klimatischen Entwicklung seit der letzten Eiszeit. Diese hat das Erscheinungsbild des Waldes geprägt. Unsere Wälder in Mitteleuropa entwickelten sich im sogenannten Spät- und Postglazial, also zum Ende und im unmittelbaren Anschluss an die letzte Eiszeit. Das ist rund 17.000 Jahre her.

Nachdem unmittelbar nach der Eiszeit zunächst Grasheiden und Zwergstrauchgebüsche die vorherrschende Vegetation waren, entwickelte sich in der anschließenden Vorwärmezeit eine Waldsteppe bestehend aus Kiefern und Birken.

Vor 10.000 bis vor 5.000 Jahren:

Vor etwa 10.000 Jahren, im Holozän, setzte die nacheiszeitliche Waldentwicklung ein. In die Birken- und Kiefernwälder wanderte zunächst die Hasel ein. Vor 10.000 bis vor 5.000 Jahren In der späten Mittel- und frühen Jungsteinzeit beherrschten Eichenmischwälder den Vegetationstyp Wald. Zunehmend wanderten Buchen, Tannen und Hainbuchen in die mitteleuropäischen Mittelgebirge ein. Zum Ende der Phase vor etwa 5.000 Jahren hatte die Fichte, vermutlich über den Hainich, den Harz erreicht.

In den letzten 5.000 Jahren:

Die vorerst letzte Phase der Waldentwicklung erfolgte mit dem Einsetzen der Bronzezeit. Dieser Abschnitt ist geprägt durch das Vordringen der Buche. In den Mittelgebirgen verdrängten Wälder aus Buche und Tanne die vorherrschenden Eichenwälder. Die bereits vorhandene Fichte blieb bei einem niedrigen Antei.

Mit Beginn der Eisenzeit sind Buchenmischwälder der vorherrschende Vegetationstyp. In diesem Zeitabschnitt hält die Fichte Einzug in viele deutsche Mittelgebirge. Dies ist auch die letzte Zeit, in der die Wälder vom Menschen weitgehend unbeeinflusst waren.

Wald mit Mensch

Die vom Menschen beeinflusste Waldgeschichte

Seit mehr als 1.000 Jahren ist das Erscheinungsbild des Waldes ein Abbild der gesellschaftlichen Ansprüche an den Wald.

Kennzeichen der mittelalterlichen Waldwirtschaft in Thüringen

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen zum Ende der Völkerwanderung um 500 nach Christus setzten die ersten größeren Rodungen in Deutschland ein.

Das Hochmittelalter war die Hochphase der Rodungen in Thüringen. In den klassischen Laubwaldgebieten im und an der Peripherie des Thüringer Beckens sowie anderer Rodungsbereiche in Thüringen nutzten die Menschen den Wald vor allem durch den Eintrieb von Pferden, Rindern, Ziegen und Schafen zur Waldweide.

Das Laub der Bäume, die sogenannte Laubstreu, nutzte man als Viehfutter im Winter und zur Einstreu in die Ställe. Selbstverständlich hatte der Wald auch das Brenn- und Bauholz zu liefern.

Die klassische forstliche Betriebsform jener Zeit in siedlungsnahen Wäldern war der Niederwald. Kennzeichen des Niederwaldbetriebes war es, dass im Abstand von 10 bis 20 Jahren eine bestimmte Waldfläche, deren Größe am Holzbedarf der zu versorgenden Herdstellen bemessen war, kahlgeschlagen wurde. Aus den Wurzelstöcken trieben die Bäume dann wieder aus. Diese Betriebsform begünstigte vor allem Baumarten, denen dieses Stockausschlagvermögen zu eigen ist.

Die landwirtschafts- und siedlungsnahen Waldgebiete waren daher von Eichen-, Hainbuchen-, Hasel- und Lindenniederwäldern geprägt. Die Buche, die kein Stockausschlagvermögen besitzt, wurde durch diese Betriebsform weitgehend verdrängt.

Die mittelalterlichen Waldnutzungsformen

Im Spätmittelalter wurde die Niederwaldwirtschaft durch die Mittelwaldwirtschaft abgelöst. Der Mittelwald ist eine Weiterentwicklung des Niederwaldbetriebes. Er unterscheidet sich von diesem dadurch, dass wenige Bäume im Wald durchwachsen dürfen und nicht dem 10 bis 20 jährigen Ernteturnus unterzogen sind. Diese Bäume dienten als  Bau- und Werkholz.

Eine weitere verbreitete mittelalterliche Waldnutzungsform war die Hutewaldwirtschaft. Hutewälder wurden aus Mittelwäldern entwickelt. Sie waren weiträumig mit wenigen breitkronigen Eichen und Buchen bestockt. Hutewälder dienten im Frühjahr und Sommer vorrangig der Weidenutzung und im Herbst zur Zeit der Samenreife und des Samenfalls der Schweinemast.

Thüringer Ebenen und Hügelländer

Die Thüringer Ebenen und Hügelländer, die auch als Altsiedlungsgebiet bezeichnet werden, wiesen die beschriebenen Formen der mittelalterlichen Waldnutzung bis in das 19. Jahrhundert auf.

Nieder- und Mittelwaldrelikte, z. B. im Bereich des Kyffhäusergebirges, wie auch vereinzelte alte Hutebuchen und -eichen im Übergangsbereich von Hochwäldern zu landwirtschaftlich genutzten Flächen sind heute noch Zeitzeugen dieser jahrhundertelang währenden forstlichen Wirtschaftsformen.

Thüringer Wald und Schiefergebirge

In Thüringer Wald und Schiefergebirge stand die mittelalterliche Waldnutzung zudem sehr im Dienste der Erzgewinnung und -verhüttun, sowie der Glasherstellung.

Der Bedarf an Holzkohle zum Betreiben der Schmelzöfen wie auch an Grubenholz zum Untertageabbau der Erze war enorm. Kahlschläge im Einzugsbereich der Erzhütten, der Glashütten sowie der Poch- und Hammerwerke waren keine Seltenheit.

Übernutzung der Wälder

Übernutzte Wälder, Holznot und erhöhter Holzbedarf

Die beschriebenen Wirtschaftsformen stellen aus heutiger Sicht massive Eingriffe in Waldökosysteme, insbesondere in die Nährstoffkreisläufe der Wälder, dar. Die Folgen waren ausgeplünderte holz- und ertragsarme Wälder auf devastierten Böden, die den zunehmenden Ansprüchen an die Holznachfrage nicht mehr gerecht werden konnten. Auch die zwischenzeitliche Regeneration der Wälder nach den Bevölkerungseinbrüchen infolge der Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts und des 30-jährigen Krieges 1618 bis 1648 währte nur kurzfristig.

Rücksichtslose Plünderhiebe und Kahlschläge für die Staatskasse

Die absolutistischen Herrschaftsformen in den Kleinstaaten und mit diesen verbunden der merkantilistische Wirtschaftsstil im 18. Jahrhundert übten erneut Druck auf die Nutzung der Wälder aus. Der Holzvorrat im Wald wurde im wahrsten Sinne des Wortes versilbert, um die Kassen der herrschaftlichen Staatskammern zu füllen. Diese Kammern dienten vor allem der Unterhaltung des Militär- und Beamtenapparates und der Finanzierung einer ungezügelten Bautätigkeit der Landesherren. Rücksichtslose Plünderungshiebe und Kahlschläge um Haushaltslöcher zu stopfen waren an der Tagesordnung. Wiederaufforstungen fanden kaum statt. 

Holznot als Chance

Begründung der nachhaltigen Forstwirtschaft in Thüringen

Die wirtschaftliche Entwicklung jener Zeit drohte angesichts der bevorstehenden Energiekrise resultierend aus der beklemmenden Holznot immer mehr ins Stocken zu geraten und zusammenzubrechen. Um 1700 war der Tiefstand in Waldzustand und Flächenausdehnung erreicht.

Im Bewusstsein der zeitgenössischen Forstbeamten verankerte sich immer mehr die Idee einer auf Langfristigkeit ausgelegten Nutzung der Wälder. Mit diesem Bewusstsein einher ging allmähliche die Etablierung der  Forstwissenschaften als Fachdisziplin und die Gründung von Forstlehranstalten. Um 1760 wurden die ersten qualitativ hochwertigen Forsteinrichtungen (Taxation und Planung) erstellt.

In Thüringen waren es die forstlichen Klassiker Johann Mathäus Bechstein, Heinrich Cotta und Gottlob König, die die Entwicklung der nachhaltigen Forstwirtschaft und die Gründung forstlicher Ausbildungsstätten vorantrieben.

Wandel zu Fichten- und Kiefernwäldern

Der steigende Holzbedarf und gleichzeitig das Erfordernis zum nachhaltigen forstlichen Handeln rief in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bodenreinertragslehre auf den Plan. Nach dieser warfen schnell wachsende Nadelbaumarten bei relativ geringen Umtriebszeiten den höchsten Ertrag ab.

Eine Folge war, dass sich bei der Wiederaufforstung vor allem Fichte und Kiefer als schnellwachsende Nadelbaumarten durchsetzten. Auf diese Weise entstanden die großflächigen Reinbestände aus Kiefer und Fichte, die heute in der zweiten und dritten Waldgeneration das Erscheinungsbild des Waldes in Thüringen prägen.

Ursache für den Anbau der Nadelhölzer war der degradierte Boden durch Bloßstellung und Waldweide, Streunutzung und Schneidelwirtschaft,  die kleinklimatischen Verhältnisse auf den Ödländereien, der fehlende Schirm für die schutzbedürftigen Baumarten Tanne und Buche und das sich abkühlende Klima („kleine Eiszeit“).

Die erste künstliche Holzsaat erfolgte im Schiefergebirge 1719, 1790 gilt die Saat als etabliert. Ab 1800 wird mit der Pflanzung begonnen. 1798 wird in den Reußischen Forsten die Tannensaat für erfolglos erklärt. 1770 wird die Lärche durch Saat eingeführt.

Aufbau stabiler Wälder

Der Wald heute: Waldumbau mit Laubhölzern steht im Vordergrund

Stürme mit großem Schadholzanfall wie auch Übervermehrungen von Schadinsekten zeigten und zeigen gegenwärtig den forstlichen Wirtschaftern die Grenzen der Reinbestandswirtschaft auf.

Dieser Erkenntnisfortschritt führte im ausgehenden 20. Jahrhundert dazu, dass sich der Waldumbau mit Laubhölzern zur Stabilisierung der Wälder in Forschung, Lehre und Praxis durchsetzte. Das Wissen um das Fortschreiten der gegenwärtigen Klimaerwärmung forciert diese Bestrebungen.

Im Zentrum des Schaffens gegenwärtiger Förstergenerationen steht der Aufbau stabiler und leistungsfähiger Wälder, die den multifunktionalen Ansprüchen der Gesellschaft an den Wald dauerhaft gerecht werden können.