Informationen zur Schwammspinnerbekämpfung 2020 in Thüringen

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FAQ zum Schwammspinner in Thüringen

Was ist der Schwammspinner?
Der Schwammspinner ist eine in Deutschland heimische, vorwiegend nachtaktive Schmetterlingsart. Diese hat sich in manchen Bundesländern, vom Klimawandel profitierend, in den letzten Jahren massenhaft vermehrt. Im Mitteldeutschen Raum besonders betroffen sind Nord-Bayern (Franken), West-Sachsen und Thüringen. Die Massenvermehrung des wärmeliebenden Schwammspinners ist Ausdruck einer natürlichen, spürbar zunehmenden Populationsdynamik. Auf Massenvermehrungen folgen in einem biologischen Rhythmus nach etwa drei bis fünf Jahren die Zusammenbrüche der Populationen, da zum einen die Fressfeinde des Schwammspinners Überhand nehmen und die Bestände massiv reduzieren, zum andern die Futterquellen für die Raupen bei jahrelangen Fraß versiegen (die Bäume sterben ab).

Wie lebt der Schwammspinner?
Die Schwammspinner überwintern in den Eihüllen als fertig entwickelte, nur wenige Millimeter grosse Räupchen. Sie schlüpfen im Frühling mit dem Blattaustrieb, etwa Ende April bis Anfang Mai und beginnen sofort zu fressen. Die kleinen Raupen werden mit Hilfe langer Schwebhaare oft kilometerweit mit dem Wind verfrachtet. Im Gegensatz dazu tragen die flugträgen erwachsenen Weibchen kaum zur räumlichen Ausbreitung bei. Fressen die Raupen am Anfang ihrer Entwicklung am Tag, so sind sie mit zunehmender Grösse nachtaktiv. Während der sechs bis zwölf Wochen dauernden Entwicklung frisst jede Raupe etwa einen Quadratmeter Laub. Nach der Verpuppung schlüpfen die Falter zwischen Juli und Ende September. Während dem die weissen Weibchen sehr flugträge sind, fliegen die braun gefärbten, tagaktiven Männchen im Zickzackflug rastlos umher. Nach der Begattung legt das Weibchen einige Hundert Eier in einem Gelege ab und umhüllt es mit gelblicher Afterwolle. Dieses schwammige Gebilde hat dem Schwammspinner seinen Namen gegeben.

Warum sind die Raupen ein Problem?
Die Raupen des Schwammspinners können sowohl aus forstwirtschaftlicher Sicht wie auch einem allgemeinen Hygieneempfinden problematisch sein: Mit Beginn des dritten von insgesamt sechs Larvenstadien, d.h. in der Regel im Zeitraum ab April/Mai, beginnen die Raupen zu schlüpfen. In Eichenwäldern und Mischwäldern mit hohem Eichenanteil sind unter anderem diese Raupen (alle Larvenstadien) ein Teil der sogenannten Frühjahrsfraßgesellschaft, die bei Massenvermehrungen einzelne Eichen bis hin zu ganzen Eichenbeständen kahl fressen kann. Bei Massenvermehrungen können die behaarten, hyperaktiven Raupen –für viele ekelerregend- auch Gärten und Parkanlagen sowie Wohnbebauungen gleichsam überfallartig in Beschlag nehmen und dort ausgesprochen belästigend wirken.

Erholen sich die Wälder nach einem Kahlfraß nicht wieder von selbst?
Bäume besitzen die Fähigkeit, nach dem ersten Blattaustrieb im Frühjahr (der ggf. vom Schwammspinner vollständig aufgefressen wird) im Sommer einen zweiten Blattaustrieb sicherzustellen – der sog. Johannistrieb. Besonders Eichen besitzen diese Fähigkeit. Aber: Die extremen Trockenjahre 2018 und 2019 haben die Vitälität vieler Nadel-, Laub- und Mischwälder deutlich herabgesetzt. Insbesondere in den unteren, oft warm-trockenen Lagen sind die Wälder besonders betroffen – wie das Fichten- und Altbuchensterben in Thüringen drastisch aufzeigt. In dieser kritischen Situation besteht die große Gefahr, dass sich die vom Schwammspinner-Kahlfraß bedrohten Wälder sich nicht mehr erholen und flächig absterben.

Was hätten absterbende Wälder für konkrete Folgen?
Absterbende Wälder haben vielfältige negative Folgen: Neben dem Verlust des Holzvorrats (wirtschaftlicher Schaden) ergeben sich katastrophale ökologische Folgen (Wälder sind ein Hort der Biodiversität). Aber nicht nur das: Wälder sind Sauerstoffproduzenten, speichern und reinigen Trinkwasser, dienen dem Hochwasserschutz , ermöglichen Erholung, binden Ruß und Staub, mindert Lärm, dämpfen Lichtverschmutzung, schützen vor Hangrutschungen und Wälder sind nicht zuletzt ein wichtiger Klimaschützer durch die Bindung von klimaschädlichem CO2 im Holz.

Können die Härchen der Schwammspinnerraupen beim Menschen Allergien auslösen?
Im Gegensatz zum Eichenprozessionsspinner, einem weiteren forstlichen Eichenschädling, ist der Kontakt mit den Raupen bzw. deren Brennhaare des Schwammspinners für den Menschen nicht bzw. nur gering gesundheitsgefährdend. Dies hat aktuell das Bundesamt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit (BauA) gegenüber der Stadt Gera bestätigt.

Gibt es Alternativen zur chemischen oder biologischen Bekämpfung des Schwammspinners?
Wenn es sich um einen verhältnismäßig schwachen Befall handelt und/oder die betroffenen Gebiete von Menschen kaum genutzt werden, sollten Insektizide zur Bekämpfung nicht eingesetzt werden. In Waldgebieten, in denen Schwammspinner auftreten, können für die betroffenen Areale ggf. Warnschilder aufgestellt werden. Chemische oder biologische Bekämpfungsmaßnahmen sind dann nicht notwendig. Bei Massenvermehrungen gibt es keine Alternative zur chemischen oder biologischen Bekämpfung. Derzeit ist allerdings nur ein chemisches Präparat zur Bekämpfung in Deutschland zugelassen (Mimic).

Wann ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Bioziden gegen Schwammspinner angemessen?
Erst wenn der Schwammspinner massenhaft auftritt und zu einer Gefährdung ganzer Waldbestände führt (weil die Waldbestände etwa durch Trockenheit oder andere biologische Gefahren wie etwa Mehltau-Befall) zusätzlich geschwächst sind), sollen biologische oder chemische Bekämpfungsmaßnahmen mit pflanzenschutzrechtlich oder biozidrechtlich zugelassenen Präparaten in Erwägung gezogen werden.

Was ist beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Bioziden zur Bekämpfung des Schwammspinners zu beachten?
Chemische und biologische Bekämpfungsmittel töten nicht nur Schadinsekten, sondern können auch andere zum Teil geschützte Tierarten, auch Nützlinge, schädigen. Deshalb ist es wichtig, ihren Einsatz auf das notwendige Mindestmaß zu beschränken. Vor dem Einsatz chemischer oder biologischer Schädlingsbekämpfungsmittel sollte daher immer geprüft werden, ob es Alternativen gibt. Ist eine Anwendung mit chemischen oder biologischen Mitteln unumgänglich, sind alle potenziell auftretenden Risiken auf ein vertretbares Maß zu mindern. Dazu müssen die in den „Anwendungsauflagen“ der Mittelzulassungen genannten Maßnahmen eingehalten werden. Der Grund für die Anwendungseinschränkungen liegt darin, dass diese Produkte nicht nur den Schwammspinner bekämpfen, sondern möglicherweise andere, mitunter sogar geschützte Arten töten können. Bekämpfungsmaßnahmen sollen nur während windstiller und niederschlagsfreier Wetterlagen durchgeführt werden, um den Austrag der verwendeten Mittel in angrenzende Flächen und damit die Schädigung von Nichtzieltieren möglichst zu vermeiden. Die Bekämpfung sollte auch nur situativ und lokal erfolgen. Darüber hinaus sollten Bekämpfungsmaßnahmen nur so lange erfolgen, bis das Ziel erreicht worden ist. Generell gilt: Eine Bekämpfungsmaßnahme zum Schutz vor dem Absterben von Baumbeständen fällt unter das Pflanzenschutzrecht, womit die im Rahmen der Pflanzenschutzmittelzulassung festgelegten Anwendungsbestimmungen für das verwendete Pflanzenschutzmittel zu befolgen sind. Eine Bekämpfungsmaßnahme zum Schutz der menschlichen Gesundheit fällt demgegenüber unter das Biozidrecht; es gelten dann die hierfür festgelegten Anwendungsbestimmungen. Im Rahmen von chemischen oder biologischen Bekämpfungsmaßnahmen sind räumliche und zeitliche Einschränkungen bei der Anwendung der jeweiligen Produkte zum weiteren Schutz von Nichtzielarten erforderlich. Diese Anwendungsbestimmungen unterscheiden sich je nach rechtlicher Grundlage ihrer Zulassung.

Was ist bei der Bekämpfung des Schwammspinners nach dem Pflanzenschutzrecht zu beachten?
Bekämpfungsmaßnahmen im Wald dienen dazu, den Baumbestand zu schützen und fallen somit unter die Regelungen des Pflanzenschutzrechts. Schwammspinner befallen überwiegend die verschiedenen Eichenarten. Die betroffenen Bäume sollten nur dann mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden, wenn durch den Kahlfraß der Raupen ein Absterben ganzer Waldbestände droht. Ob Bäume wirklich absterben, wenn sie vom Schwammspinner befallen werden, ist umstritten. Eichen können auch nach einem Kahlfraß zum Beispiel erneut austreiben. Nach wiederholtem Befall mit dem Schwammspinner, können die Bäume so geschwächt sein, dass andere Schadorganismen und/oder widrige klimatische Bedingungen letztlich zur Schädigung der Bäume führen. Je häufiger die Bäume befallen werden, desto wahrscheinlicher ist dies. Die Bekämpfung des Schwammspinners nach Pflanzenschutzrecht in Naturschutzgebieten ist zum Schutz gefährdeter und geschützter Insektenarten verboten. Die betroffenen Bundesländer entscheiden über die Genehmigung solcher Anwendungen. Im Einzelfall kann eine Behandlung im Naturschutzgebiet erfolgen, wenn die zuständige Behörde bei der Genehmigung nach § 18 Absatz 2 PflSchG in Abstimmung mit der zuständigen Naturschutzbehörde festgestellt hat, dass eine Behandlung zum Erhalt des Pflanzenbestandes im Sinne der Zweckbestimmung des Schutzgebietes unbedingt erforderlich ist. Bei einem geplantem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Natura 2000-Gebieten (FFH- und EU- Vogelschutzgebiete) oder deren unmittelbarer Umgebung ist außerdem eine FFH-Verträglichkeitsprüfung (FFH-VP) durchzuführen. Diese ist notwendig, um mögliche negative Beeinträchtigung von Arten des Anhangs II der FFH-Richtlinie, von Lebensraumtypen des Anhangs I mit ihren charakteristischen Arten sowie eine Beeinträchtigung der Nahrungsgrundlage von insektenfressenden Vögeln und Fledermäusen bei Verwendung von Insektiziden auszuschließen. Ist eine Beeinträchtigung des Gebiets zu erwarten, ist eine Anwendung von Pflanzenschutzmitteln nicht zulässig, außer es ist eine Ausnahmegenehmigung nach § 34 Abs. 3 BNatSchG gerechtfertigt. Die Bekämpfung von Schmetterlingsraupen des Schwammspinners insbesondere für größere Baumbestände und im Kronenbereich erfolgt überwiegend mit dem Hubschrauber aus der Luft. Da Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln aus der Luft gemäß EU-Recht grundsätzlich verboten sind, bedürfen sie einer Sondergenehmigung durch die zuständige Landesbehörde, den Pflanzenschutzdienst. Die für die chemische oder biologische Bekämpfung zugelassenen Pflanzenschutzmittel sind der oben aufgeführten Liste zu entnehmen. Werden Pflanzenschutzmittel eingesetzt, sind folgende Punkte zu beachten: Zum Schutz angrenzender Flächen sind die mit der Zulassung festgelegten Mindestabstände zu Oberflächengewässern einzuhalten. Außerdem darf die Anwendung nur in mindestens zweijährigem Abstand erfolgen, um eine Wiederbesiedlung des behandelten Gebiets durch andere Falterarten zu ermöglichen.

Setzt ThüringenForst regelmäßig Pflanzenschutzmittel ein?
Während ThüringenForst 2017 den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) im Staatswald im neunten Jahr in Folge reduzieren konnte, hat das Katastrophenjahr 2018 seinen Tribut gefordert. Die punktuell an Forststraßen mit Insektiziden gegen Borkenkäfer behandelten Holzpoltermengen stiegen von 38.977 Festmeter um das Vierfache auf 167.299 Festmeter an. Dies entspricht rund 14 % der durchschnittlichen Jahreseinschlagsmenge der Landesforstanstalt. Dies weist der aktuelle Pflanzenschutzmittelreport 2018 der Hauptstelle für Waldschutz im Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha (FFK) aus. Gleichzeitig konnte der Einsatz von Pflanzenschutzmittel gegen die im Wald potenziell gefährlichen Kurzschwanzmäuse sowie von Wildschadensverhütungsmittel auf den geringsten Flächenumfang seit fast 25 Jahren beschränkt werden. Gegenüber dem Vorjahr ebenfalls reduziert werden konnte der Einsatz von Herbiziden, die u. a. auf vier Hektar gegen den Japanischen Staudenknöterich, einem invasiven Neophyt, angewendet wurden. Ziel von ThüringenForst bleibt es, einen nahezu Pflanzenschutzmittelfreie, nachhaltige und naturnahe Forstwirtschaft zu gewährleisten.

Wann hat ThüringenForst zuletzt ein Insektizid mit Hubschraubern ausgebracht?
Die letzte aviotechnische Insektizidausbringung durch ThüringenForst erfolgte vor rund 25 Jahren in Ostthüringen. Damals wurden ebenfalls Eichenfraßgesellschaften vom Hubschrauber aus bekämpft. Dies unterstreicht, dass der flächige Insektizideinsatz bei ThüringenForst als „Ultima ratio“ (letzte Möglichkeit) gesehen wird und nur im absoluten Ausnahmefall bei einer akuten Gefährdungslage zur Anwendung kommt.

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Kontakt

ThüringenForst Zentrale

Dr. Horst Sproßmann